Was macht man, wenn man gefühlt schon jedes gängige Genre einmal probiert und verarbeitet hat, aber dennoch etwas Neues will? Richtig, man unternimmt eine musikalische Weltreise!
Genau deshalb entführt IGORRR die Hörer auf seinem mittlerweile vierten Studioalbum “Spirituality and Distortion“, welches am 27.03.2020 durch Metal Blade Records veröffentlicht wird, in die Welt der vorwiegend arabisch-orientalischen Klänge und verbindet diese in gewohnter Manier mit allerhand wirrender Stilrichtungen, um so ein weiteres, absolut verrücktes und einzigartiges Werk zu kreieren.

Direkt zu Beginn startet das Album mit ,Downgrade Desert´ mit einem eher ruhig anmutend, orientalisch klingendem Intro. Es lässt den Hörer in eine doch trügerische Träumerei verfallen, bevor IGORRR sodann unverkennbar unter Beweis stellt, dass nichts vom typisch musikalischem Charakter / Charme verloren ging. Black-Metal-Riffs und Growls lassen den Hammer fallen und man ist gleich wieder in der härteren Gangart unterwegs. Auf diese Weise bekommt man sofort den direkten Eindruck der nunmehr folgenden fünfzig Minuten Spielzeit. Ebenso abgefahren geht es im Anschluss mit ,Nervous Waltz´ weiter, der von choralen Gesängen über 8-Bit Sounds und selbstverständlich einem Walzer alles vermischt, was sich vermischen lässt. Es folgt die bereits bekannte, aber leider sehr kurzweilige erste Single-Auskopplung ,Very Noise´. Seinem Namen entsprechend nimmt ,Camel Dancefloor´ den Hörer kurze Zeit später wieder mit in die Welt von 1001 Nacht, vernachlässigt dabei aber leider die meiste Zeit die typischen schnellen Stilwechsel und wirkt dadurch recht monoton, was sich nur zum Ende hin ein wenig bessert. Mit ,Parpaing´ folgt die zweite Singleauskopplung des Albums. Dieser Track hält ein besonderes Feature für den Hörer bereit: George „Corpsegrinder“ Fisher, seines Zeichens Frontmann von CANNIBAL CORPSE, übernimmt die Vocals, die aber natürlich nicht so belassen bleiben und immer wieder durch den “8-Bit Verzerrer” gejagt oder mit entsprechenden Sounds unterlegt werden. ,Musette Maximum´ kommt hingegen wie eine Oktoberfest-Kapelle daher, in die sich allerdings ein Black-Metal-Sänger verirrt hat, wohingegen ,Himalaya Massive Ritual´ und ,Overweight Poesy´ die Hörerschaft abermals auf eine Reise in den Orient nehmen und mit plötzlichen Breaks und harten Gitarren-Riffs ein Wechselbad der Gefühle verursachen. Weiter geht es mit ,Paranoid Bulldozer Italiano´ und ,Barocco Satani´, die beide recht opernhaft klingen, wobei Letzteres den Hörer mit einem gelungenen Black-Metal-Abschluss aus dieser Ruhe reißt und ihn wieder in IGORRR´s Welt zerrt. Nach ,Polyphonic Rust´ folgt auch schon mit ,Kung-Fu Chèvre´ der letzte Song des Albums. Musik aus Italien, Russland und Frankreich, eine Ziege die zwischendurch meckern darf und eine Prise IGORRR-Wahnsinn – alles in einen Topf geworfen und kräftig durchgerührt, damit wurde der perfekte Abschluss des aktuellen Werkes gefunden. Ein musikalischer Ausflug in verschiedenste Länder unter der Führung dieser wahrlich einzigartigen Band.

 

Insgesamt wirkt das Album aufgrund der ungewohnt orientalischen Klänge etwas ruhiger als seine Vorgänger, kann mit diesen jedoch allemal mithalten. Gefühlt jedes existierende oder neu erfundene Genre ist vertreten, der Sound ist, unter Einsatz von allerlei Instrumenten und Alltagsgegenständen, wie Gasflaschen, Cookie Boxen oder gar mit Hilfe des altbekannten Haus-Hühnchen´s Patrick, ausschließlich „handgemacht“ und all diese Komponenten würde die Band am liebsten gleichzeitig verwenden. Einzig das teilweise doch sehr rapide Hin- und wieder Zurückspringen zwischen dem „Gewohnten“ von IGORRR und dem nunmehr verwandten orientalischen Konzept des Albums, bricht den Fluss etwas und vermittelt ein gewisses Stocken. Einzeln betrachtet sind die Lieder jedoch ganz und gar IGORRR und führen die Linie der Alben gelungen fort.

Dabei gilt wie immer: Was auf den ersten Blick wirkt, als hätte man einem Kleinkind ein Soundboard in die Hand gedrückt, deren Knöpfe jeweils ein Genre darstellen und es einfach “mal so machen lassen”, entpuppt sich die Musik von IGORRR bei genauerem und auch mehrmaligem Hinhören als erstaunlich melodiös und geistreich. Die Musik spiegelt den kreativen Input von Gautier Serre wider, der als bekannter Synästhetiker seine Gefühle in Farben wahrnimmt und dies alles in seinen Songs darzustellen versucht. Laut eigener Aussage war dies sogar der Grund für die Wahl der östlichen Einflüsse beim aktuellen Album. So sagt Gautier selbst: „No idea where it comes from, but the colors of those sounds inspired me a lot. It’s something I’ve been extremely attracted to. Those sounds have a real deepness in the emotional range, and combined with heavy music, it’s something which took me very deep into myself, and which pushed me into doing tracks like ‘Downgrade Desert’, ‘Camel Dancefloor’, ‘Himalaya Massive Ritual’ or ‘Overweight Poesy’.“ Dieser Einblick in eine etwas andere Psyche und Denkweise mag nicht für jedermann etwas sein, ist aber definitiv eine gelungene Abwechslung und hat seinen Platz in der Musikwelt  wohl verdient. Auch das vierte Werk von Meister IGORR wird mit Sicherheit den einen oder anderen in seinen Bann ziehen und punkten.

Meine Empfehlung: Es ist definitiv, wie auch alle anderen IGORRR-Werke zuvor, kein Album zum erstmaligen „Nebenherhören“. Ein ruhiges Zimmer und eine gemütliche Haltung sind essentiell, um sich voll auf diese recht spezielle und auch skurile Reise zu begeben. Zudem wäre ein Studium der Vorgängeralben ratsam, um sich vom „Generellen“ zum „Speziellen“ vorzuarbeiten und so die volle Bandbreite verstehen, genießen und auch lieben zu lernen.

8 von 10 Punkten
/ Etienne