Ein Festival der Gegensätze ist das diesjährige Line-Up in der Lübecker Kulturwerft Gollan. Auf der einen Seite sind die Popgrößen Lotte und Joris, auf der anderen Seite Deutsch-Punk mit Popeinflüssen von Rogers und Donots. Dazwischen die Ska-Polka-Größen von Russkaja. Aufgefüllt wird das Line-Up mit lokalen Bands und Gruppen der verschiedensten Stilrichtungen. Bereits zum zweiten Male findet dieses Mini-Festival statt. Waren bei der Premiere im letzten Jahr keine 1.000 Besucher gekommen, tummelten sich in diesem Jahr schon gut und gerne 1.200 Musikfans. Das könnte wohl auch an der Präsentation von Radio Bob! liegen. Bereits am Mittag sitzen die ersten Fans vor dem Eingang, um direkt vor den Stars einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen.

Allerdings ist das Line-Up auf zwei Bühnen aufgeteilt. Es beginnt in der kleinen Halle 5, die den Eingangsbereich und die Vorhalle sowie Zugänge zu dem Foodcourt beinhaltet. Eine knappe halbe Stunde nach dem Einlass um 16:00 Uhr beginnen die Damen und Herren des Lübecker Kneipenchors ihr Programm. Hits von Torfrock, den Ärzten, Take That bis Motörhead, aber auch einen eigenen Titel gibt der Chor mit Akustikgitarren-Begleitung zum Besten.

Als zweites war dann die Lübecker Band Han Shot Greedo auf der kleinen Bühne dran. Die vier Jungs sicherten sich bei einem Band-Contest in Travemünde die Wild Card für das Festival. Ihre lockere Mischung aus Indie, Psychedelic Rock, Reggae und Funk lockte schon deutlich mehr Leute vor die Bühne.

Der erste Hauptact auf der großen Bühne in Halle 9 war dann Lotte mit Band. Mit der Single ‘Schau mich nicht so an’ und dem Duett  ‘Auf das, was da noch kommt’  zusammen mit Max Giesinger, wurde die Ravensburgerin bekannt. Natürlich durften diese Titel im Set nicht fehlen.

Weiter geht es in der kleinen Halle mit der Düsseldorfer Punkband Rogers, die ihren derzeitigen Hit ‘Mittelfinger für immer’ gleich als ersten raushauen. Gleich danach folgt der Vorgänger-Hit ‘Einen Scheiß muss ich’. Weitere Highlights des Konzertes sind der Gastauftritt des Donots-Sängers Ingo Knollmann sowie das Gebrüder Blattschuss-Cover Kreuzberger Nächte.

Zurück in die große Halle. Hier steht mit Joris wieder eine echte Pop-Ikone auf der Bühne. Wegen ihm und seiner Musik sassen die Jugendlichen Fans zum Großteil schon so früh vor dem Eingang. Bis ans Ende der Welt, Schrei es raus oder  das Lotte-Cover Wer wir geworden sind begeistert die Rappelvolle Halle. Sein Megahit Herz über Kopf beschließt als zweite Zugabe seinen Auftritt.

Die Fans der Pop-Fraktion verlassen die Halle. Selbst Schuld, denn sie verpassen einen starken Auftritt von Russkaja. Die Österreicher spielen einen Mix als Polka, Ska und russischen Klängen. Mit Potete, Geige und Trompete bringen sie traditionelle Instrumente in die Rockmusik. Festival-Teilnahmen in Wacken brachten ihnen eine Heerschar von Fans ein. Bei den ersten drei Songs stehen zusätzlich noch die Hälfte des Lübecker Kneipenchors auf der Bühne. Sie unterstützen die Band ungeprobt. Was in Wacken tausende Leute zum Psycho-Traktor bewegt, klappt natürlich auch in Lübeck. Sänger Georgij sucht sich einen Hünen von über zwei Meter Größe aus dem Publikum und deklariert ihn zur Mitte des Kollektivs. Alle anderen Zuhörer kreisen um ihn herum. Zum Ende des Konzerts dürfen natürlich nicht das Avicii-Cover ‘Wake Me Up’, heute einmal vom Gitarristen Engel Mayr gesungen, und das energiegeladene ‘Energia’ fehlen.

Es ist mittlerweile nach 23:00 Uhr. Die Ibbenbührener Punk-Truppe Donots sind als letzte Gruppe im großen Saal an der Reihe. Die Zuschauerreihen haben sich nun spätestens nach Russkaja schon deutlich geleert, obwohl dies ja nun der Headliner ist. Ihre aktuellen Hits sind zwar schon aus dem Jahre 2017, laufen allerdings noch immer rauf und runter in den Radiosendern. Keiner kommt hier lebend raus und der Megahit ‘Eine letzte letzte Runde’ wird noch mit den Stimmungshits ‘Whatever Happened To The 80s’ sowie dem Twisted Sister-Cover ‘We´re Not Gonna Take It’ getoppt. Die Temperatur in der alten Werkshalle steigt noch einmal deutlich an.

Halb Eins! Die “Rausschmeißer” auf der kleinen Bühne sind zwei Gruppen der Musikhochschule Lübeck. Kaum noch irgendeiner nimmt Notiz von ihrer Musik. Nur wenige Besucher trinken noch einen Absacker am Tresen. Die Merchandise-Stände sind verweist, ein einsamer Sicherheitsmann steht im Eingangsbereich. Auch ich freue mich nach neun Stunden Festival auf die Waagerechte. Nur noch 110 Kilometer und es ist geschafft …

Berichterstattung / PhotCredits: Norbert Czybulka