Eigentlich habe ich mich auf KATATONIA schon im Vorfeld gefreut, denn sie sollten auf meinem Lieblingsfestival, dem PARTY SAN, auftreten. Über Corona an sich, muss man nicht weitere Worte verlieren, und so machte man aus der Not eine Tugend und gab im Studio Gröndahl ein Live-Konzert, das man gegen einen lächerlichen Ovulus von 10,00 € nicht nur bestaunen, sondern auch noch 30 Tage lang auf BLACKBOX streamen kann. Vorhang also auf, für den etwas anderen Konzertbericht:

„Wir können euch zwar nicht sehen, aber wir wissen, dass ihr da draußen seid.“ Die Worte von Sänger Jonas beschreiben ganz gut, wie ungewöhnlich dieses Konzert für KATATONIA ist; keine Reaktionen, keine live Atmosphäre und auch keine Fangesänge. Auch wenn amn betont, wie nervös man eigentlich ist, merkt man es der Truppe zu keiner Sekunde an. Ohne Vorwarnung kracht `Lethean`vond er „Dead End Kings“ Scheibe in astreiner Soundqualität aus meinen Boxen und eröffnet ein herrliches Set, bei dem auch Fanwünsche mit eingeflossen sind. Auch wenn amn leider nicht inmitten Gleichgesinnter steht, so wurde hier mit sehr viel Liebe zum Detail vorgegangen, um eine möglichst authentische Live Atmosphäre zu zaubern. Lichteffekte und typisches KATATONIA Stageacting sind ebenso an Bord, wie verschiedene Kameraperspektiven und eine professionelle Umsetzung, die man beispielsweise von Rockpalast kennt. Auch wenn ich zuhause statt in der gefüllten Konzerthalle sitze, knallt die Gänsehaut zu `Teargas`ebenso schonungslos rein, während die Party in Sekundenbruchteilen über den Chat den Server in die Knie zu zwingen droht. Liebesbekundungen aus Chile, Mexico, Deutschland und vielen anderen Ländern erreichen die Band vielleicht nicht direkt beim Gig, scheinen aber auf wundersame Weise ihre Wirkung nicht zu verfehlen, denn KATATONIA liefern ab. Kaum zu glauben, dass sie in ihren Anfangstagen live kacke und auf Platte zum Niederknien waren; davon ist spätestens seit der „Night is The New Day“ Originaltour nichts mehr zu sehen und man konnte sich live stets steigern. Mit `Deliberation`würdigt man die „Great Cold Distance“, nachdem man die „Fall of Hearts“ mit `Serin` bedacht hat. So ein Wohnzimmer Gig hat auch Vorteile, denn es gibt keine Schlangen bei der Bar und gemütlicher geht es kaum. Dennoch ersetzt es natürlich nicht das live Erlebnis. Mit der Weltpremiere von `Winter of our Passing` vom aktuellen Album, wurden meine persönliche Gebete erhört und spätestens hier meine mentale Moshpit (inklusiver Ganzkörpergänsehaut) serviert. KATATONIA haben Blut geleckt und schieben mit `Ghosts of the Sun` den aggressiven Opener der „Viva Emptiness“ nach, was meine Boxen schnell an ihre Belastungsgrenzen bringt. Statt der gewohnten Jubelschreie in der Konzerthalle herrscht gespenstische Stille, was der Stimmung keinen Abbruch tut.

Man schaltet mit `Racing Heart` in den Entspannungsmodus, wobei mich die Gesangsleistungen ehrfürchtig staunen lassen, die den Song direkt in die Hirnrinde tragen. Mit `Soil´s Song` geht es zurück ins Jahr 2006, ehe `Old Heart Falls`mir vor Augen führt, welche großartige Entwicklung die Schweden im Laufe ihrer Karriere durchlaufen haben. Mit `Forsaker` hat der Schmusekurs ein Ende, denn die Symbiose aus Melancholie und Kraft kracht auch heute noch sehr intensiv aus den Boxen direkt in die Seele. `Tonight´s Music` hatte damals den Weg zum neueren Stil klar aufgezeigt und ist sehr gut gealtert. Mit „Words are stones in my mouth“ meißelt Jonas zielsicher die Textzeilen von `Decima`in den Gehörgang, ehe es mit `Leaders` zurück in die Kälte geht. Eigentlich müsste man sich jetzt bereits an den Live Stream gewöhnt haben und denken, man habe sein Pulver verschossen; `Lacquer` belehrt mich rasch eines besseren und lässt „City Burials“ präzise in das Set mit einfließen. Auch wenn mir die Albumversion von `Omerta ` besser gefällt ist es schön, sie mal live zu hören. Mit `My Twin` hat man natürlich ein Heimspiel, ehe man mir mit `Unfurl`ein Riesengeschenk macht. Während ihrer Akustiktour klang er schon geil, aber das hier legt nochmal eine Schippte drauf. Man bleibt auf dem `Great Cold Distance`Trip und knallt `July`auf den Tisch, was meine Synapsen schnell erneut auf Betriebstemperatur bringt. `Evidence` war auch auf meiner Wunschliste für jede Setlist, und sie wird mehr als erfüllt. Als Nachtisch wird noch `Behind The Blood`serviert, ehe der Timer 01:46:23 und der Bildschirm das Bandfoto anzeigt.

Normalerweise würde ich jetzt an die Bar gehen, mich mit Gleichgesinnten unterhalten und den Merch Stand leer räumen. Stattdessen lausche ich dem Babyfon, stelle mein leeres Bier weg und verkrieche mich langsam in mein Bett. Ja, es tut sehr weh, dass dieses Jahr kein Festival ist. Ja, es fühlt sich auch immer noch kacke an, nicht mittendrin zu stehen und die Musik intensiver zu fühlen. Aber das Konzert hat meinen Akku für einige Wochen wieder aufgeladen. Ein kurzer Chat mit Gleichgesinnten, eine sehr schöne live Performance und meine danach angelegte Großbestellung auf der Bandseite sind definitiv eine sehr schöne Alternative zum Rumjammern und Wehklagen. Es wird noch etwas dauern, bis wir Konzertluft schnuppern können. In der Zwischenzeit unterstützt was ihr liebt und gönnt euch so einen Livestream! Die Bands freuen sich und es lohnt sich, denn auch wenn es nur auf dem Monitor ist, so spürt man das Herzblut zu jeder Sekunde. Und darum geht es schließlich in der Musik.

Setlist:
Lethean
Teargas
Serin
Deliberation
Winter of our Passing
Ghosts of the Sun
Racing Heart
Soil´s Song
Old Heart falls
Forsaker
Tonight´s Music
Decima
Leaders
Lacquer
Omerta
My Twin
Unfurl
July
Evidence
Behind The Blood

Berichterstattung: Sebastian Radu Groß