Anno 1995 lauschte ich voller Ehrfurcht dem Erstling von THEATRE OF TRAGEDY, der mit seinem Wechselgesang zwischen Death Metal Vocals und klaren Frauengesang nicht nur offene Türen bei mir einrannte, sondern die gesamte Metal- und Gothic Szene prägen sollte. Sängerin Liv Kristine blickt mittlerweile auf eine amtliche Solo-Karriere zurück und ist nach der Trennung von Leaves` Eyes in ihrer eigenen Mitte angekommen. Wir hatten die Ehre mit ihr über die innere Stärke, Dankbarkeit und ihr neues Album zu sprechen.

Hallo Liv und erst einmal vielen Dank für deine Zeit und dieses Interview! Wie geht es dir aktuell, wo doch Corona unser Leben auf den Kopf gestellt hat?

Meiner Familie geht es wirklich gut. Wir sind gesund und haben die Zeit genutzt, um viele Dinge zu erledigen; aussortieren, verschenken, Ideen (z.B. Musik, Gesang, Vocalcoaching etc.) zu entwickeln, noch bessere Strukturen zuhause und in den sonst manchmal echt stressigen Alltag reinzubringen. Die Schule, in der ich tagsüber arbeite, hat für die Abschlussschüler geöffnet. Es ist ruhiger als sonst und ich bin froh, mit meiner Kollegin zumindest ein paar Schüler für die anstehenden Prüfungen einigermaßen fit für ihr Examen zu machen. Auch mein Sohn macht jetzt seinen Abschluss und wenn endlich Schulferien sind, dürfen wir mit gutem Gewissen ausatmen, dass wir es geschafft haben. Es ist für uns alle eine neue, ungewohnte Situation; ich meine, wir sind ja erwachsen, aber wie geht es unseren Kindern und Großeltern dabei? Meine Konzerte bzw. Gastauftritte sind ausgefallen, aber ich nutze die Zeit, um intensiver Gesangsunterricht (Stimmbildung) zu geben und meine kreative Community zu stärken. Ich bin sehr froh, wenn die Grenzen bald aufmachen. Ich vermisse meinen Verlobten so sehr, wir mussten auch unsere Hochzeit in Dänemark verschieben und haben uns wochenlang nicht gesehen. Auch meine Familie in Norwegen vermisse ich sehr. Trotzdem ist für mich und manche andere, die mir nahe stehen, ein neues Bewusstsein entstanden, sowohl für die Mitmenschen, als auch für Mutter Erde. Ich spüre auch meine innere Stimme intensiver, meinen Weg und mein authentisches Ich. Das tut, glaube ich, allen, auch mir unheimlich gut. Die Zeit jetzt für sich zu nutzen und zu verstehen, wie wichtig Dankbarkeit, Empathie, Selbstschutz und aus Selbstliebe zu handeln ist.

Es gibt ein musikalisches Lebenszeichen von dir.  Deine Single „Skylight“, die besonders positive Vibes aus den Boxen zaubert. Es klingt wie ein musikalischer Befreiungsschlag, mit dem du alles Negative abstreifst und dich ganz den positiven Aspekten des Lebens widmest (mir gefällt der Song extrem gut). Wie ist dieser Song entstanden?

Es freut mich sehr, dass dir der Song gefällt. Die Demoversion bekam ich vor etwa einem Jahr zu hören und war sofort verliebt. “Skylight” hat wirklich eine positive Energie, und ja, wie du sagst, ist die Veröffentlichung wie ein Befreiungsschlag in meiner Karriere. Das Lied bringt sehr viele Facetten mit sich; einen sehr emotionalen Text, schöne Akkorde, eine positive Stimmung, einen guten und einen runden Sound. Er bringt irgendwie auch ein ganz neues Kapitel mit sich. Klar knüpft der Sound am Vorgängeralbum „Vervain“ an, hat aber doch eine eigene Stärke und klareren Sound. Eine große Prise „Aégis“ (THEATRE OF TRAGEDY) ist auch dabei, was auch sein muss, denn Tommy Olsson komponiert mein sechstes Soloalbum. Ich schätze unsere Zusammenarbeit sehr. Seine Lieder geben mir Raum und Inspiration, damit ich mich ganz authentisch entfalten kann. Ich bekomme immer wieder neue Kompositionen aus Norwegen und habe jetzt auch die Zeit genutzt, um Melodien und Texte dazu zu entwickeln. Leider kann ich im Sommer nicht nach Norwegen, um das Album komplett einzusingen, aber ich versuche jetzt eine Lösung zu finden, indem ich für mich hier zuhause ein kleines Studio für die Gesangsaufnahmen einrichte. Ich bin zur Zeit dran und teste Mikrofone. Ein spannendes, ziemlich neues Gebiet für mich.

„Skylight“ ist der Vorbote eines neuen Albums, das ein wenig in die „Aegis“ Ära von THEATRE OF TRAGEDY gehen soll. Was kannst du uns über das Album erzählen. Gibt es bereits einen Namen und wie ist es entstanden? Steht bereits ein Release Datum fest?

Das Album ist, wie gesagt, schon in der Mache. Die Hälfte ist bereits aufgenommen und abgemischt. Bald kommt die EP „Gravity“ inklusive Videoclip raus. Pauli, von der Band Coldbound, hat mir sehr geholfen, meine Ideen umzusetzen. Zudem schaue ich gerade, ob wir bis zum jährlichen Auftritt in Nagold im Dezember ein Livealbum oder eine EP veröffentlichen können. Ich sortiere gerade die Liveaufnahmen aus Nagold 2019. Anfang 2020 kommt voraussichtlich mein sechstes Soloalbum raus. Wir haben wegen den Zeiten jetzt einfach die Pläne etwas ändern müssen, was völlig OK ist. Meine Kunst kommt aus dem Herzen; sie ist pure Leidenschaft und hat nichts mit Stress und Druck zu tun. Die Zeiten sind vorbei, als der Druck, meistens wegen Deadlines und Geld, für mich und meine Bandmitglieder echt enorm war. Ich bin dankbar für alles, was war; die Wege, die mir die Labels, Promoter und Verlage bereitet haben: Allerdings musste ich mich davon ganz lösen, damit ich in meiner Kunst und Kreativität ganz frei sein und gleichzeitig meine alltägliche Arbeit in den öffentlichen Einrichtungen ausführen kann. Ich arbeite mit autistischen Kindern und jungen Menschen, die eine intensivere Unterstützung brauchen. Diese Arbeit gehört auch zu meinem Weg, denn ich schätze diese Arbeit sehr. Seit 2019 habe ich für meine Musik die Unterstützung durch Allegro Talent, das Label meines Verlobten. Von ihm habe ich natürlich die ganze Freiheit, die ich mir immer gewünscht habe. Das Album markiert auch eine neue Ära für mich, einen ganz neuen Lebensabschnitt. Ich bin einfach so dankbar für alles, was ich habe und erreicht habe. Die Fülle in meinem Herzen, für meinen wahren Freunde und Fans, meine phantastische Familie in Norwegen, Michael, Leon und die Hunde; die Klarheit und die vielen neuen Wege, die sich für mich zeigen, weil ich jetzt auch soweit bin.

 

Zur Zeit werden die alten THEATRE OF TRAGEDY Alben remastered und als Vinyl veröffentlicht. Den Anfang machte „A Rose for the Dead“ und Ende Mai wird „Assembly“ veröffentlicht. Bekommst du davon etwas mit und wie fühlst du dich, wenn du die alten Schätzchen wieder siehst? Kommt da ein wenig Nostalgie auf?

Ja, ich finde es schön, dass die alten Lieder nochmal aufpoliert und wiederbelebt werden. Ich hoffe, es ist eine Chance für Leute, die noch nie von ToT gehört haben, in die Band reinzuhören. Ich persönlich liebe Vinyl und sammle schon seit vielen Jahren. Ich besitze noch die ersten Demos von ToT auf Kassette und höre sie mir manchmal am Wochenende an, um die Nostalgie etwas aufblühen zu lassen. Ich bin froh, dass wir uns in den letzten zwei Jahren regelmäßig treffen, auf einen Kaffee oder zwei Bier. Ich mag die Jungs und die Kompositionen, die wir gemeinsam in die Welt gebracht haben, sehr.

Ehrlich gesagt habe ich eine kleine Zeitreise unternommen, indem ich mir erst kürzlich nochmals alle THEATRE OF TRAGEDY Scheiben angehört habe. Ich habe euch damals zur „A Rose for the Dead“ Tour in Bochum gesehen und war total fasziniert von eurer Performance. Als hätte man zum ersten Mal Sisters of Mercy mit Death Metal und einer schönen Frauenstimme gehört bzw. gesehen. Nach der Auflösung von THEATRE OF TRAGEDY war es länger still, aber du hast mit Raymond den einen oder anderen Auftritt gehabt. Besteht die Chance, euch beide irgendwann nochmals komplett ein THEATRE OF TRAGEDY Set spielen zu hören? Vielleicht ein”Best of” Set oder irgend etwas in dieser Art?

Alle Scheiben? Das ist ein Kompliment, das mich sehr ehrt! Es war schon eine sehr spannende und erlebnisreiche Zeit. Wir waren halt jung und wussten nicht wirklich, wie wir mit dem Erfolg, die Verantwortung und Streitthemen umgehen sollten. Deswegen brach die Band auch auseinander. Das alles ist heute aufgelöst und wir haben alles geklärt. Es war sehr emotional für ein paar von uns, aber es hat so gut getan über alles zu reden und sich auch entschuldigen zu können. Raymond ist aber nicht dabei gewesen, was ich sehr schade finde. Er geht einen ganz anderen Weg und das ist völlig in Ordnung. Ich wäre aber bereit live zu spielen. Die Auftritte mit Raymond bzw. meine Solotour in 2015 mit Ray war meine schönste Tour bisher.

Du bist generell sehr umtriebig in punkto Projekte. Du hattest auch mal mit THE SIRENS ein sehr schönes Projekt hochgezogen, bei dem Anneke van Giersbergen und Kari Rueslåtten mit dir das Mikro geteilt haben. Wird es so etwas noch einmal geben, oder war es eine einzigartige Geschichte?

Das war eine geniale Idee und wir drei haben richtig viel Freude daran gehabt. Es war aber nur für eine gewisse Zeit bestimmt und ich denke sehr gerne daran zurück.

Du trittst traditionsgemäß auch immer im Dezember in der Seminarturnhalle in Nagold auf. Wird es dieses Jahr auch wieder gemacht und worauf können wir uns freuen?

Vor ein paar Wochen habe ich veröffentlicht, dass mein jährliches Spezialkonzert in Nagold auch dieses Jahr stattfinden wird. Jetzt finden natürlich keine Konzerte statt, aber ich hoffe sehr, dass wir uns alle am 18. Dezember 2020 sehen. Das wäre, glaube ich, das neunte Mal. Das Event bedeutet mir viel, und ich glaube auch den Fans und Freunden. Deswegen sind wir gerade dabei, die Liveaufnahmen von 2019 anzuhören, um hoffentlich meine erste Liveveröffentlichung im Winter veröffentlichen zu können.

Du gibt zur Zeit auch Vocal Coaching. Wie kam es zu dieser Idee und welche Resonanzen hast du bisher bekommen?

Das mach mir so viel Spaß und Freude. Es ist für mich „mein Weg“ und ich folge meiner inneren Stimme. Ich habe „Studenten“ aus der ganzen Welt. Es ist so schön und es ist mir wichtig, diese kreativen, wunderschönen Menschen zu unterstützen und mein Wissen aus meinen 30 Jahren Erfahrung auf Tour Bühne, im Studio und als Komponistin und Texterin weiterzugeben. Ich habe viel Zeit gebraucht, um mein Wissen genau auf den Punkt zu bringen und in ein Konzept zu erfassen. Ich habe selbst keine Musik studiert und alles was ich weiß, habe ich selbst-didaktisch erfahren. Es geht mir um die Leidenschaft; seiner inneren Stimme zu folgen, um die Musik im Herzen, deine wahre, authentische Frequenz „freizuschalten“ und zu zeigen. Wer Lust hat, mit mir dafür zu üben, die Stimme wieder zu stärken oder eine Frage zu meinem Konzept hat, kann mich gerne kontaktieren unter info@livkristine.net oder management@livkristine.net

Neben der Musik widmest du dich auch der Malerei. Ist das ein Hobby nebenher oder könntest du dir vorstellen, auch hier einen Fokus zu legen (z.B eine Ausstellung)?

Eine Ausstellung wäre auch was Feines, das wäre mal ein schönes Ziel! Ja, ich male leidenschaftlich gerne und seit meiner frühen Kindheit sehe ich Farben und Formen, wenn ich Musik höre. Wer Interesse an meinen Bildern hat, kann sich jederzeit melden. Ich male nach Farbwunsch, Themenwunsch oder man lässt sich einfach überraschen. Viele Gemälde sind online zu sehen auf www.livkristine.net

Du bist generell sehr lebensfroh und positiv geerdet. Was inspiriert dich am meisten (Bücher, Filme, Musik) und welche drei Dinge würdest du jemandem empfehlen, der seinem Leben mehr positive Perspektiven geben möchte?

Ich habe Glück, wie du sagst, positiv geerdet zu sein. Ich habe phantastische Eltern und einen Mann an meiner Seite, die mich unterstützen und ermutigen, meinen Weg zu gehen. Ende 2015 endete plötzlich „das alte Leben“ mit einem Schlag. Als ich nach dem großen Schock und mit harter Arbeit und 5 Jobs mein Leben wieder für mich und meinen Sohn danach stabilisieren und aufbauen konnte, kam endlich wieder etwas Ruhe und klare Strukturen. Mit 43 Jahren gingen sehr viele Türen für mich auf. Eine großes Trauma löste sich auf, ich fing an verstärkt Gutes für mich zu tun, aus Selbstliebe zu handeln, Narzissten aus meinem Leben zu schmeißen und Klarheit für mich zu sehen. Vor allem habe ich endlich verstanden, dass dieser Weg mein Weg ist, den ich gehen musste, um der Mensch zu sein, der ich heute bin. Anfang 2019 habe ich dann Mikkel kennengelernt und das ist wahre Liebe, bedingungslos und leidenschaftlich. Vielleicht ist damit, das alles zusammen, Erleuchtung gemeint?

Danke nochmals für deine Zeit und für dieses Interview! Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute und freue mich schon auf dein neues Album. Einige abschließende Worte an deine Fans?

Ich danke dir für das gute Interview! Es hat mir sehr viel Freude gemacht. Auch für dich und deinen Liebsten alles Gute, Gesundheit und Kraft. Danke von Herzen an meine Fans und Freunde, die mich immer unterstützen. Ich weiß, was ich an euch habe und warum ich immer noch leidenschaftlich singe.