Wir schreiben das Jahr 1995. Der Postbote liefert mir im tiefsten Winter meine lang erwartete Nuclear Blast Bestellung. Es ist so kalt, dass ich die CD´s erstmal auf die Heizung legen muss, damit der Frost in 15 Minuten abblättert. Danach alles ausgepackt und inspiziert: die „Orchid“ von einer Band namens Opeth, diverse andere Scheiben und die „Totentanz“ von LUNATIC INVASION. Ich hatte die Band auf dem Nucelar Blast Sampler gehört, der damals noch gratis bei jeder Bestellung mitgeschickt wurde, um neue Bands zu promoten (damals war noch nix mit YouTube und Konsorten).

Der Song `Asche zu Asche` war eine griffige Nummer, mit Black Metal Einschlag, weshalb ich ein episches und aggressives Black Metal Album erwartete. Nach dem Auftauen der CD, schallte auch schon eine Frauenstimme das Wort „Totentanz“ in einem sich ständig wiederholenden Mantra aus den Boxen, während sich im Hintergrund ein bombastisches Intro aufbaute. „Guter Anfang“ denke ich noch, ehe `Haut` mit voller Wucht durch die Gehörgange knallt und sich brutal durch die Hirnwindungen fräst. Der Mix aus Death und Grind erwischt mich völlig unerwartet und während ich noch versuche das auf Dauerfeuer prügelnde Schlagzeug und die frickelnden Gitarren zu erfassen, staune ich mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination über den (deutschen) Text, der selbst Hannibal Lecter blaß werden lässt. Ja, ich kannte bereits Cannibal Corpse und Napalm Death, aber diese deutsche Antwort darauf ließ mich staunen und gleichzeitig erschaudern. Vom Hochgeschwindigkeitsrausch geht’s mit `Dead´s Paradise` eher ins Midtempo und spuckt mit ersten sphärischen Keyboards eine Kostprobe von dem, was noch kommt aus. Es folgt das Bathory artige Black Metal instrumental `Sturm` ehe, `Asche zu Asche` vertraut aus den Boxen schallt. So viel zum Thema Erwartungshaltung auf ein Album; an dieser Stelle wirkt der Track schon fast exotisch auf dem Album.

Die Truppe kann aber auch ein wenig doomen, denn `Fallen Angel` wälzt sich mit schwerfälligen Riffs, getragenen Keyboards und einer Frauenstimme voran, ehe es gelegentlich in Death Gefilden rotzt und mit sauberen Gitarrensolis glänzt. Noch rasch das Instrumental `Gathering of Bones` reingeschoben, ehe `Dance Macabre` mich endgültig mit einem idiotischen Grinsen beglückt und mir den Spaß am Grind schenkt. „Endlich eine abwechslungsreiche Knüppelscheibe“ denke ich noch, ehe mich die mittelalterlichen (!) Klänge von `Prozession` eiskalt erwischen. Nur instrumental, aber die beste Steilvorlage, die das erhaben einschreitende `The Haunting Palace` bekommen kann. Getragenes Riffing, gesprochene Passagen, saugeile Solis und sogar clean eingestreuter Gesang lassen mich endgültig alle Schubladen aus meinem Genregedanken raus reissen und mich einfach nur an dieser Scheibe erfreuen. Man kann sich auch an Operngesang versuchen und ein 7 minütiges Stück eintrümmern. Man kann auch Akustikgitarren einstreuen und progressive Elemente einbauen, aber alles in einem Stück (´Dark Prayers`) war für mich zu viel zum Erfassen und so ist es ein guter, aber für mich kein herausragender Song. Ähnlich sieht es bei dem Rausschmeißer `Blutgott` aus, der eine satanische Messer vertonen könnte. Leider geht mir hier der durch den Harmonizer gejagte Gesang etwas zu sehr auf die Nerven, obwohl der Rest in Sachen Atmosphäre rund läuft.

Ich wurde noch nie derart in meiner Erwartungshaltung so überrascht und gleichzeitig vor den Kopf gestoßen. Auch so viele Elemente (Death, Grind, Mittelalter und Doom) auf einem Album, das gleichzeitig so stimmig klingt, habe ich vorher und nachher nie mehr gehört. Leider hat sich die Band bereits aufgelöst und wir werden keinen Nachfolger dieser Perle erleben dürfen. Im Nachgang habe ich mir das erste musikalische Lebenszeichen dieser Band („The Selected Ones“) angehört, die im Untergrund geblubbert hatte. Einige Ansätze zu „Totentanz“ gab es, aber niemand hätte ahnen können, dass die Band zu derartigen Großtaten fähig sein würde. Eine sehr gute Scheibe aller Freunde oben genannter Stilrichtungen und definitiv der Todfeind jener, die in Schubladen und Genres zu denken versuchen.

/Sebastian Radu Groß