Niedeckens BAP verlängert nun die 2018er Tour in diesem Jahr um ein paar Konzerte in erlesenen Locations. Leider sind die nördlichsten in Braunschweig und Rietberg. Für mich als Kieler natürlich schlecht zu erreichen. Da mich die Location in Rietberg schon häufiger gereizt hat, nun also das Cultura. Es ist ein moderner Nachbau des 1599 am Südufer der Themse in London erbauten Globe-Theaters. Ein dreistöckiger Rundbau, der im ersten Moment, sorry das sagen zu müssen, von außen an ein Gülletank erinnert. Im Inneren natürlich nicht. 200 Personen passen vor die große und vor allem tiefe Bühne. Jeweils 200 weitere pro Etage auf die Sitzplätze. Einen Fotograben gibt es nicht. Also frühes Erscheinen ist angesagt. Bei Preisen von 47,00 Euro bis 77,00 Euro waren beide Konzerte innerhalb weniger Tage ausverkauft.

Pünktlich auf die Sekunde erscheint die Band auf der Bühne. Die frühe Anfangszeit 18:00 Uhr verwirrt, nicht nur den Meister selbst. “Vielleicht schafft man es ja noch zum Tatort nach Hause?”, fragt Wolfgang Niedecken das Publikum. Da für mich nur Fotos bei den ersten drei Titeln erlaubt sind, arbeite ich wie im Tunnel. „Drei Wünsch frei“, der erste Titel ist ratzfatz weg. „Waschsalon“ (im Unterbewusstsein singe ich ein paar Zeilen mit). „Psycho-Rodeo“ – Memo an mich > Du musst noch Bilder mit dem Weitwinkel machen und zack – Fotozeit vorbei. Es wurde mir freigestellt, ob ich die Kamera nur wegpacke oder das Haus verlasse. Das ist natürlich keine Option und so belohne ich mich bei „Widderlich“ erst einmal mit einem Hopfen-Smoothie. Kurz durchatmen und wieder rein in das Getümmel. Ich bin von der Bläsersektion total begeistert. Die drei Herren sehen aus, als ob sie bei der Bandgründung noch nicht geboren waren und bringen einen frischen Wind in die alten Titel. Als wenn alles gerade erst neu nur für diese neunköpfige Band auf der Bühne geschrieben wurde. „Nix wie bessher“ halt. Zum „Jebootsdaachspogo“ meldet sich tatsächlich jemand, der heute Geburtstag hat. Dann kommt der Moment, für den ich mir doch den Holstein-Kiel Schal von meinem Kollegen hätte leihen sollen. Wolfgang Niedecken fragt sogar nach einem solchen, während er “Ruut-wieß-blau quergestriefte Frau” ankündigt. Er betont, dass sich die ersten zwei drei Strophen tatsächlich so zugetragen haben. Während die Band auf der Bühne loslegt, wandert die Bläsersektion einmal durch das Innenfeld und spielt dort. Beim nächsten Titel „Et ess, wie´t ess”, steht die Multiinstrumentalistin mit einem Waschbrett vor dem Bauch auf der Bühne. Anne De Wolff steht eh ständig mit neuen Instrumenten auf der Bühne. Ob nun mit Geige, E-Gitarre, Saxophon, Akustik-Klampfe, Percussion- und Schlagzeuginstrumenten oder einer Slide-Gitarre auf den Knien – diese Frau ist niemals langweilig.

Wolfgang Niedecken erzählt von seiner alten roten Kastenente und wie er von den DDR-Grenzern nach Stunden zurück in die LKW-Schlange geschickt wurde, da sie eben eine solche Zulassung hatte. Natürlich wird mit „Absurdistan“ und „Vision vun Europa“ auch auf die aktuelle politische Situation aufmerksam gemacht. Ebenso darf der Wunsch nach Unterstützung für sein Rebound-Projekt zur Hilfe ehemaliger Kindersoldaten in Afrika nicht fehlen.

Nach zwei Stunden versucht die Band das Konzert zu beenden. Das klappt natürlich nicht. Im Zugabenblock von dreißig Minuten dauert jeder Song so ca. 10 Minuten. Bei „Nemm mich met“ ist es noch nicht ganz so lang, „Alexandra“ ist mit Schlagzeug- und Gitarren-Solo dafür umso länger. „Stell dir vüür“ das Konzert wär´zu Ende. Nein … natürlich noch nicht. Nach zweieinhalb Stunden kommen Niedecken & Friends zumindest in trockenen Klamotten noch einmal auf die Bühne. Statt Jeans-Hemd nun ein Shirt der legendären WDR-Rockpalast Sendungen. Noch einmal drei Songs, noch einmal eine halbe Stunde Spielzeit. Mit „Paar Daach fröher“, dem legendären „Verdamp lang her“ und „Jraaduss“ geht ein dreistündiges Konzerterlebnis zu Ende.

Berichterstattung / PhotoCredits: Norbert Czybulka