Support your local heroes – Nach dem Aufruf, mindestens einmal im Monat einen kleinen Club, eine lokale Band oder ein Kneipenkonzert zu besuchen, habe ich dank der Corona-Pandemie und des Veranstaltungsverbotes zuerst keine Idee, wie ich es trotzdem bewerkstelligen kann. Warte ich den 19. April ab? Was ist, wenn das Verbot verlängert wird? Beim Fensterputzen kam mir dann die Idee. Im März war ich bei den PINPRICKS und ihrer CD-Release-Party. Aber wie entsteht eigentlich so eine CD bei einer Amateurband? Ein Studio kann sich kaum eine kleine Band leisten und einen Plattenvertrag hat auch niemand in der Tasche, nur weil er ein Instrument halten kann.ist

In einer Kaffeepause schreibe ich ein paar Nachrichten. Dank der neuen Medien ist ja alles kein Problem mehr. Prompt kommt von meinen alten Freunden von THE LOST MEMBERS dann das “Go!”. “Komm vorbei, wir erklären Dir alles und die Pandemie bekämpfen wir mit Desinfektionsmittel von Innen”. Ahhh Ja 😉

Also los zum vereinbarten Termin. Vor ein paar Jahren war ich schon einmal in dem Keller-Proberaum der Kieler Amateurband THE LOST MEMBERS. Die Band besteht aus Henrik Hagner an der Gitarre, Christoph Cammas am Bass sowie Torsten Hüls an den Drums. Wir kommen alle ziemlich zeitgleich an. Die drei Musiker nehmen sogleich ihre Positionen an den Instrumenten ein. Erst einmal warmspielen. Nach ein paar eigenen Songs dann noch ein kurzes Cover. “I Was Made For Loving You” von Kiss erkenne ich schon an den ersten Takten.

Im Vergleich zu damals hat sich hier einiges verändert. Das Mischpult steht nicht mehr im Vorraum auf der Waschmaschine, der Probenraum ist isoliert und Desinfektionsmittel steht in ausreichender Menge in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen bereit. Wir halten die Abstände natürlich an diesem Tage ein und kommen uns nicht zu nah. Die meisten Songs kenne ich von den wenigen Auftritten der Drei. Danach setzen sie sich mit mir zusammen und beantworten geduldig auf meine Fragen.

Danke, dass Ihr Euch die Zeit nehmt, mir als “Konsumer” mal etwas die Augen zu öffnen. 

Henrik: Das ist doch selbstverständlich. Wir freuen uns, dass Du dabei an uns gedacht hast und begrüßen Dich herzlich in unseren heiligen Hallen!

Ihr seid jetzt in dieser Konstellation seit 2007 zusammen. Was gab den Ausschlag jetzt plötzlich eine CD zu produzieren?

Torsten: Die Situation kennst Du ja selbst. Keine CD: Keine Auftritte! Heute muss eine Demo vorhanden sein, wenn man sich um einen Auftritt bewirbt. Die Situation wird immer verrückter und schwieriger.

Seit wann arbeitet Ihr an der CD?

Christoph: Im Prinzip seit etwa zwei Jahren. Leider gab es immer wieder kleiner Pausen aufgrund gesundheitlicher Probleme. Aus den 44 Songs, die wir ohne Cover etc. drauf haben, sind jetzt 11 plus ein Intro in die Titelauswahl gekommen. Sie passen thematisch gut zusammen und bilden musikalisch eine vielseitige Konstellation.

Das heißt ihr seid fertig?

Torsten: Im Prinzip ja. Alle Titel sind eingespielt, alle Spuren abgemischt und das Cover-Layout in Arbeit. Wir holen gerade Angebote zur Pressung und zum Druck ein.

Eine CD in Eigenregie ohne Plattenvertrag? Fressen Euch da nicht die Kosten auf?

Christoph: Wir sind alle berufstätig und machen das als Hobby. Klar, kostet das alles viel Geld. Die CD selbst ist da richtig günstig. Das Equipment ist inzwischen der größte Posten. Allein ein studiotauglicher Kopfhörer mit einer fast geraden Frequenzlinie kostet über 400 Euro. Unser Mischpult um die 1.000 Euro. Dazu Studiolautsprecher, Software, Instrumente, Mikrofone, Kabel und so weiter. Ein Coverdesigner würde etwa 2.500 Euro kosten. Das geht natürlich nicht, aber die Tochter von Torsten, Jaqueline, hilft uns unsere Ideen zu visualisieren.

Ihr habt die CD selbst abgemischt? Ohne Studio?

Christoph: Ja. Eine professionelle Studioaufnahme hätte uns wahrscheinlich um die 20.000 Euro gekostet. Natürlich sind nach oben wie immer keine Grenzen. Das können wir uns nicht leisten und haben deswegen kurzerhand beschlossen, das selber zu machen. Ich war mal an der School of Audio Engineering in Hamburg und habe einige Kenntnisse im Bereich Ton- und Studiotechnik. Wir haben also alle Spuren eingespielt und ich habe versucht unseren eigenen Sound, so gut es geht, auf diese CD zu bringen.

Jede der Spuren … Wie funktioniert das?

Christoph: Allein am Schlagzeug sind acht Mikrofone. Jedes eine einzelne Spur. Insgesamt hatten wir über 24 Spuren. Zuerst kommt die Schmutzspur. Da spielen wir den Titel einmal mit einem Raummikro zur Orientierung durch. Diese wird dann dem Schlagzeuger auf den Kopfhörer gelegt und er spielt dazu den Song mit. Und jede Tom, die Snare, zwei Overheads und das Bassdrum-Micro bekommen eine neue Spur. Wenn der Take fehlerfrei war, bekommt der Gitarrist die Schmutzspur und die Drums auf den Kopfhörer und spielt erst die Rhythmusgitarre ein und später die Soli, dann ist der Bassist an der Reihe und zuletzt der Gesang. Damit die Frequenzen sich nicht überschneiden, wird nach grober Anpassung der Lautstärkeverhältnisse und Panorama mit Equalizern gearbeitet. So schaffen wir einen klaren und definierten Sound. Hier und da kommen auch Effekte, wie Hall oder Room zum Einsatz oder Dynamics, wie Kompressoren, Limiter etc.

Das ist dann letztendlich so, wie damals das gute analoge 8 Spur Tonband?

Christoph: Nicht ganz. Bei den analogen Aufnahmen damals mussten alle Instrumente zeitgleich und perfekt eingespielt werden. Es konnten im Nachgang nur kompliziert Sounds verändert werden. Digital ist das alles viel einfacher und man kann auch einfach mal was ausprobieren ohne „Schaden“ anzurichten

Was muss denn eigentlich am meisten beim Mischen korrigiert werden?

Christoph: Das ist von Song zu Song ganz unterschiedlich. Wenn der Drummer mal auf den Fellring haut,  statt auf die Tom, dann kann man sowas mit einem Punsh in korrigieren. Die Soli sind meist sehr anspruchsvoll und brauchen dann doch mal den einen oder anderen Take. Auch beim Gesang kann hier und dort mal eine Silbe, ein Buchstabe oder ein Wort „verschluckt“ werden. Die Hauptarbeit liegt aber im Aufteilen der Frequenzen.

Ihr habt hier einen Haufen verschiedener Pleks und Sticks liegen. Spielt nicht jeder immer mit dem gleichen „Werkzeug“, wie bei einem Livekonzert?

Torsten: Komm mal rüber zum Schlagzeug, ich zeig Dir das. Zum einen liegt jeder Stick anders in der Hand. Jeder Kopf macht auf den Becken zum Beispiel einen anderen Klang. Die Dicke des Sticks variiert die Lautstärke des Sounds. So kann es sein, dass man bei verschiedenen Titeln auch die Sticks wechselt.

Henrik: Das Gleiche ist auch mit den Pleks. Die gibt es in verschiedenen Stärken und auch Formen. Für Gitarristen ist die Stärke entscheidend. Für ein Banjo wiederum benötigt man andere Formen und einen Bass kann man mit dünnen Pleks spielen. Das muss man aber nicht, da die Saiten ja viel stärker sind. Da sind dickere Pleks ab 1,0 mm schon von Vorteil. Aber grundsätzlich ist es auch immer eine Geschmackssache des Musikers. Einige Bassisten spielen zum Beispiel nur mit den Fingern.

Nochmals zur CD. Alles was das Presswerk braucht ist:

Henrik: Die Dateien in einer wav-Datei, Kohle je nach bestellter Auflage und ein paar Grafikdateien für das Cover.

Ab welcher Auflage kann man pressen lassen?

Torsten: Manche bieten Kleinstserien ab 50 Stück an. Normal geht es bei 100/150 Stück los.

Wow! Liegt man dann nicht preislich enorm hoch?

Torsten: Das geht dann. Man kann dann schon bei einem Herstellungspreis um die 3 Euro pro Stück landen.

Viel Geld, Arbeit und Aufwand für ein kleines Stück Plastik. Danke, dass Ihr mir das einmal so bewusst vor Augen geführt habt. Ich freue mich schon jetzt auf die Releaseparty, die ich dann auf jeden Fall begleiten werde.

Und nun ein großes “Prost” auf Euer Erstlingswerk und die daraus resultierende Welttournee!

 

Berichterstattung / PhotoCredits: Norbert Czybulka