Es ist nasskalt und ich bin viel zu früh auf dem Parkplatz der Discothek Westcoast in Heide. Mein Plan ist jetzt erst einmal, hier in diesem Industriegebiet noch kurz vorher etwas Essen zu gehen. Ich habe kaum den Motor abgestellt, da rollt die Band mit einem Kleinbus auf den Platz. Auf die persönliche Begrüßung von Frontmann Christof Stein-Schneider folgt die Einladung doch dem Soundcheck beizuwohnen und so dem Schmuddelwetter zu entgehen. Diese seltene Chance nehme ich natürlich wahr – wenn auch verwundert. Auf der gerade eben zurechtgesägten Paletten/OSB-Platten-Bühne verlieren sich ein paar Instrumente und es ist nichts weiter aufgebaut. Nun aber mal Gas, in einer Dreiviertelstunde ist bereits Einlass!

Als erstes wird ein Tuch mit der Göttin aufgehängt. Die Göttin der Musik ist immer dabei und zaubert der Welt ein Lächeln ins Gesicht! Multiinstrumentalist B-man Mayor alias Fabian Schulz, hat sein Mini-Schlagzeug schon aufgestellt. Bei einem Blick darauf zücke ich sofort die Kamera. Ich habe noch nie gesehen, das jemand die Setlist auf das Fell schreibt.

Thomas König hat seine riesige Bass-Balaleika auch schon aufgestellt, die Positionen sind klar verteilt. Der Haustechniker macht sich an die Verkabelung und Fury in the Slaughterhouse-Gitarrist Christof spielt sich im Foyer unter einem wärmenden Bierpilz seine Finger warm. Kurze Zeit später ist die Anlage fertig, der kurze Soundcheck beginnt. Die ersten Gäste stehen frierend vor der Tür. Sobald das Personal eingetroffen ist und alles vorbereitet wurde, werden die Türen geöffnet. Alles ist locker, alles ist friedlich. Mit ein klein wenig Verspätung entert das Trio die 15 Zentimeter hohe Bühne, die mittlerweile auch vom Chef der Disco mit zwei Tannenbäumchen dekoriert wurde.

Mit ihrer Musik setzen die Wohnraumhelden einen Farbklecks des Humors in eine immer verrückter werdende Welt. Ernste Themen werden mit Humor präsentiert, es wird sich selbst auf die Schippe genommen und Love, Peace und Rock´n´Roll zelebriert. Die aus Hannover-Linden stammenden Musiker besingen sich selbst (Linden), belehren das Publikum mit Weisheiten aus dem Leben (Pinkel nicht gegen den Wind, der Wind gewinnt!) und halten mit ihrer Meinung nicht vor dem Berg (Wenn Du nichts zu sagen hast, einfach mal die Schnauze halten). Natürlich bringt Christof zwischendurch immer mal wieder ein Weihnachtsgedicht von Klaus Büchner, dem Torfrock-Sänger, zum Besten. Mit ihm ist er ja derzeit viel unterwegs, um die Hanebüchner-Lesungen zu begleiten.

Ich zähle zwischendurch einmal durch und komme auf etwas über 40 Besucher. Was für eine Schande, dieser Abend hätte mindestens das 10-fache verdient. Liegt es am Datum? Liegt es an der Location? Keine Werbung?

Ich versuche mit lichtstarken Objektiven und Miniblitzen gegen die nicht vorhandene Beleuchtung und dem blau-roten Disco-Schummerlicht anzukämpfen. Die modernen Digitalkameras und Beleuchtungstechniker sind mittlerweile mindestens zwei Welten voneinander entfernt. Vor allem, als der Kunstnebel immer mehr aufgedreht wird und den Raum in ein diffus beleuchtetes Etwas verwandelt.

Die Gäste, die gekommen sind, freuen sich über das spielfreudige Trio. Nach über zwei Stunden Netto-Spielzeit beenden sie das Konzert mit einer Hommage an den Ton-Steine-Scherben-Frontmann Rio Reiser. Mit “Halt dich an deiner Liebe fest” zollen sie dem viel zu früh verstorbenen Musiker Respekt.

Schnell ein Getränk geholt und die drei Musiker finden sich sodann am Merch-Stand ein. Autogramme, Klönschnack und Fotos mit den Interessierten sind selbstverständlich.

Ich bedanke mich noch einmal bei Christof für diesen schönen Abend, verabschiede mich von bekannten Gästen und trete besinnlichkeitsoptimiert die Heimreise an.

Berichterstattung / PhotoCredits: Norbert Czybulka